Wie viele Bäckereien gibt es in deiner Straße? Die Antwort kommt auf Deutsch ohne Zögern: „Es gibt drei.“ Das Verb steht im Singular, und das würde es auch bei dreißig tun. Auf Italienisch wird daraus leicht c’è tre panetterie, weil c’è die erste Entsprechung für „es gibt“ war, die du gelernt hast, und weil sich die deutsche Form nie verändert. Das Italienische zählt an dieser Stelle mit: ci sono tre panetterie.
In „es gibt drei Bäckereien“ ist „es“ das Subjekt, und die Bäckereien sind ein Objekt im Akkusativ. Du merkst das am Artikel: „es gibt einen Park“, nicht „ein Park“. Das Verb richtet sich nach dem Subjekt, also nach „es“, und das ist immer Singular. Die Zahl dahinter hat auf das Verb keinen Einfluss.
In c’è steckt dagegen das Verb essere: ci plus è. Und das, was folgt, ist kein Objekt, sondern das Subjekt. Ein Ding, c’è. Mehrere, ci sono. Das Verb schaut also nach hinten, auf das Nomen, das erst noch kommt, und passt sich ihm an.
Einen deutschen Satz, der so funktioniert, kennst du schon. „Da ist ein Brief für dich“, „da sind zwei Briefe für dich“. „Es waren viele Leute da.“ Hier ist das Nomen Subjekt, und das Verb zählt mit. C’è und ci sono verhalten sich wie dieses „da ist, da sind“ und nicht wie „es gibt“.
Nella mia strada ci sono tre panetterie.
Ci sono stati due scioperi questo mese.
Die Übereinstimmung zieht sich durch alle Zeiten. Im imperfetto heißt es c’era und c’erano: c’era un cinema qui, c’erano due cinema qui. Im Futur ci sarà und ci saranno. Im passato prossimo trägt das Hilfsverb die Zahl, und das Partizip richtet sich zusätzlich nach Geschlecht und Zahl des Nomens: c’è stato un problema, c’è stata una festa, ci sono stati due scioperi, ci sono state tante feste. Das deutsche „es gab“ bleibt bei all dem unverändert.
Wo es knifflig wird
C’è ist kein Übersetzungswort für „es gibt“. Es sagt, dass etwas da ist, an einem Ort oder in einer Situation, und dafür benutzt das Deutsche oft ganz andere Verben. „Ist Marco da?“ heißt c’è Marco? „Auf dem Tisch liegt ein Brief“ heißt meistens sul tavolo c’è una lettera. „Die Sonne scheint“ kann c’è il sole sein. In keinem dieser Sätze steht im Deutschen „es gibt“, und bei Marco ginge es auch gar nicht, denn „es gibt Marco“ würde etwas ganz anderes sagen. Das Italienische kennt diese Grenze nicht. C’è verträgt sich mit Namen und bestimmten Artikeln genauso wie mit „ein“.
Scusa, c’è Marco?
In die andere Richtung ist die Grenze weniger scharf. Wenn es nicht um einen Ort geht, sondern um die bloße Existenz, „gibt es noch Telefonzellen?“, „es gibt keine Drachen“, kann das Italienische auch zu esistere greifen: esistono ancora le cabine telefoniche?, i draghi non esistono. Ci sono ancora le cabine telefoniche? ist für dieselbe Frage mindestens so gebräuchlich. Nach der Gegend fragt der Satz erst, wenn ein Ort dabeisteht, qui oder in paese.
Und manches „es gibt“ kündigt etwas an, das erst noch kommt. Ist es eine Vorhersage oder eine Folge, nimmt das Italienische meist das Futur: „Morgen gibt es Regen“ steht im Wetterbericht als domani ci sarà pioggia, im Gespräch sagt man einfach domani piove. „Das gibt Ärger“ ist ci saranno guai oder finirà male. Ist das Kommende dagegen fest eingeplant, reicht das Präsens, wie im Deutschen auch: domani c’è sciopero, „morgen ist Streik“.
Dazu kommen ein paar feste Wendungen, in denen c’è etwas anderes tut. Che c’è? heißt „Was ist los?“ C’è molto da fare heißt „es gibt viel zu tun“, und hier läuft das Deutsche ausnahmsweise parallel. Ci vuole und ci vogliono heißen „man braucht“ oder „es dauert“, und auch sie zählen mit: ci vuole un’ora, ci vogliono due ore.
Per arrivare in centro ci vogliono venti minuti.
Woran du es hörst
Die Probe steckt schon in deinem Deutsch, nur in der anderen Konstruktion. Bevor du c’è sagst, sprich dir den Satz im Kopf mit „da“ vor statt mit „es gibt“. „Da sind drei Bäckereien in meiner Straße“: Das „sind“ kündigt ci sono an. „Da war ein Unfall auf der Autobahn“: also c’è stato un incidente in autostrada. Das deutsche „da ist, da sind“ zählt genauso mit wie das italienische, und du musst nur die richtige deutsche Form wählen, bevor du übersetzt.
Im Italienischen ist der Unterschied gut zu hören, denn ci sono hat zwei Silben mehr als c’è. Achte in Gesprächen darauf, wie oft diese längere Form fällt, gerade bei Aufzählungen: ci sono i ragazzi, c’è la nonna, ci sono anche i vicini. Das Verb wechselt mitten im Satz, sobald der Nächste in der Liste allein kommt.
In die Irre führt die Probe nur dort, wo die beiden Sprachen ein Nomen verschieden zählen. Das bekannteste Beispiel sind die Leute. „Da waren viele Leute“ steht im Plural, weil „Leute“ im Deutschen ein Plural ist und keinen Singular hat. Gente dagegen ist grammatisch ein Singular, so wie „die Menge“, und deshalb heißt es c’era tanta gente. Nimmst du stattdessen persone, stimmt die Probe wieder: „da waren viele Personen“, c’erano tante persone. Ähnlich geht es dir mit den Nudeln: „Da sind noch Nudeln“, aber c’è ancora pasta, weil pasta wie „Obst“ im Singular steht.
Ieri sera c’era tanta gente in piazza.