„Hast du Geschwister?“ „Nein, ich hab keine.“ Auf Deutsch ist diese Antwort fertig, und niemand vermisst etwas an ihr. Auf Italienisch wird daraus oft no, non ho, und der Satz bricht ab, bevor er gesagt hat, was du nicht hast. Es heißt no, non ne ho. Im Lehrbuch stand bei ne vermutlich „davon“, und genau das ist das Problem: „Ich habe keine davon“ würdest du über Geschwister nie sagen, das klingt nach einer Schachtel Pralinen. Das Wort, das dir als Brücke angeboten wurde, fehlt also gerade in den Sätzen, in denen das Italienische ne am dringendsten braucht.
Die Regel dahinter betrifft Mengen ohne ihr Nomen: eine Zahl, molti, pochi, un po’, nessuno. Ist eine solche Menge das Objekt des Verbs, hält ne den Platz des fehlenden Nomens: ne ho due, ne voglio un po’, non ne ho nessuno. Auch ein deutsches „keine“ gehört dazu, wenn im Italienischen gar kein Mengenwort übrig bleibt: non ne ho. Dasselbe gilt für das Subjekt einiger Verben, die ihr Subjekt gern hinter sich stellen, etwa arrivare, restare und mancare: ne sono arrivati tre, ne mancano due. Beim Subjekt der meisten anderen Verben steht die Menge dagegen allein: molti pensano che sia tardi, pochi hanno capito. Und eine Antwort ganz ohne Verb braucht ebenfalls kein ne: Quanti figli hai? Due.
Im Satz steht ne vor dem konjugierten Verb. An einem Infinitiv hängt es hinten dran, voglio comprarne due, ebenso an den Imperativen für du, wir und ihr, prendine uno, prendetene due. Die Höflichkeitsform behält es vorn: ne prenda due.
Hai fratelli? No, non ne ho.
Il pane? Ne prendo mezzo chilo.
Bis hierhin ist „davon“ eine brauchbare Brücke. Ne hat aber noch eine zweite Aufgabe, und die hat mit Mengen nichts zu tun. Es ersetzt einen Ausdruck mit di, den du schon genannt hast. Parlare di qualcosa wird zu parlarne, avere paura di qualcosa zu averne paura, ricordarsi di qualcosa zu ricordarsene. Hier sagt das Deutsche meistens nicht „davon“, sondern ein anderes Wort aus derselben Familie: „darüber“, „davor“, „daran“. Die Wahl trifft jede Sprache nach ihrer eigenen Präposition. Das Deutsche fragt, ob man „über“ etwas spricht oder „an“ etwas denkt. Das Italienische fragt nur, ob vorher ein di stand.
Ne parliamo stasera, va bene?
Me ne ricordo benissimo.
Das heißt auch: Ein deutsches „darüber“ führt dich nicht automatisch zu ne. „Ich denke darüber nach“ ist ci penso, weil es pensare a qualcosa heißt, mit a. Für a ist ci zuständig. Dasselbe deutsche Wort steht also einmal für ne und einmal für ci, und nur die italienische Präposition kann dir sagen, welches es ist.
Wo es knifflig wird
Das ne der Mengen hängt an einer Zahl oder einem Mengenwort, aber nicht an „alle“ oder „beide“. „Hast du die Erdbeeren gegessen? Ja, alle.“ heißt sì, le ho mangiate tutte, mit dem gewöhnlichen Objektpronomen le. Ne ho mangiate tutte ist hier falsch. Genauso bei „beide“, das im Italienischen tutti e due heißt: „Kennst du seine Brüder? Ja, beide.“ ist sì, li conosco tutti e due. Eine Zahl darf dabei durchaus alles umfassen: Quanti fratelli hai? Ne ho due spricht über alle deine Geschwister, und das ne bleibt. Steht „alle“ oder „beide“ da, oder ist eine bestimmte Sache direktes Objekt, il libro? L’ho letto, nimmst du lo, la, li oder le. Das andere ne, das für di qualcosa, darf dagegen sehr wohl eine bestimmte, ganze Sache meinen: il film? Ne abbiamo parlato ieri. Dort entscheidet nicht die Menge, sondern das di hinter parlare.
Mit dem ne der Mengen kommt eine Endung. Zählst du Dinge und steht das ne vor einem Verb im passato prossimo, richtet sich das Partizip nach dem Nomen, für das ne steht: di fragole ne ho mangiate troppe, weil fragole weiblich und Plural ist. Im gesprochenen Italienisch hörst du auch ne ho mangiato troppe, aber die übereinstimmende Form ist die, mit der du nie falsch liegst. Beim anderen ne, dem für di qualcosa, gibt es diese Übereinstimmung nicht: ne abbiamo parlato, egal worüber.
Le fragole? Ne ho mangiate troppe.
Und dann gibt es ein drittes ne, bei dem „davon“ ganz aufhört zu helfen. Es ersetzt einen Ausdruck mit da, wenn es um einen Ort oder eine Lage geht, aus der man herauskommt. Sono entrato nel negozio e ne sono uscito subito heißt „ich bin in den Laden gegangen und gleich wieder herausgekommen“. Das Deutsche sagt dort „heraus“ oder „raus“, nicht „davon“. Dasselbe ne steckt in uscirne, „da herauskommen“, das man oft über schwierige Zeiten sagt. Und es steckt in andarsene, „weggehen“: me ne vado ist „ich gehe“, ce ne andiamo „wir gehen“. Bei andarsene gehört ne fest zum Verb, und das Wörterbuch führt es sogar als eigenes Stichwort. Dazu kommt eine Wendung, die sich keiner der drei Aufgaben sauber zuordnen lässt: non ne posso più, „ich kann nicht mehr“.
È un brutto periodo, ma ne usciremo.
Woran du es hörst
Für die di- und die da-Aufgabe ist das Deutsche ein brauchbarer Hinweis, aber kein Beweis. Sagst du „darüber“, „daran“, „davor“ oder „davon“, schau nach, welche Präposition das italienische Verb verlangt. Steht dort di, ist es ne. Steht dort a, ist es ci. Sagst du „heraus“ aus einem Ort, denk an uscirne.
Das ne der Mengen fängst du am besten am Ende deines deutschen Satzes. Endet er mit einer Zahl oder einer Menge ohne Nomen, „ich hab zwei“, „ich nehm ein bisschen“, „ich hab keine“, dann gehört ins Italienische fast immer ein ne, vor das Verb oder an den Infinitiv. Nur „alle“ und „beide“ bleiben draußen: li ho tutti, li conosco tutti e due. Das Deutsche spürt an dieser Stelle keine Lücke, weil ihm ohne „davon“ nichts fehlt. Im Italienischen steht das ne dafür meist vor dem Verb, also früh im Satz, und in schneller Rede wird es so kurz, dass aus ne ho ein n’ho wird.