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„Ich glaube, dass“: warum das Italienische hier den congiuntivo will

Nach „ich glaube, dass“ steht im Deutschen der Indikativ, im Italienischen der congiuntivo. Und der deutsche Konjunktiv hilft dir dabei weniger, als du denkst.

Rodrigo · · 7 Min.

„Ich glaube, dass Anna recht hat“ ist ein Satz, in dem das Deutsche nichts Besonderes tut. Nach „ich glaube, dass“ kommt dasselbe „hat“ wie nach „ich weiß, dass“, und niemand denkt darüber nach. Übertragen wird daraus credo che Anna ha ragione, Wort für Wort, mit einem korrekt konjugierten Verb. Eine Italienerin stutzt trotzdem, und zwar genau an einer Stelle. Es muss abbia heißen.

Im Italienischen entscheidet das Verb vor che, in welcher Form das Verb danach steht. Verben, die eine Meinung, einen Glauben, eine Hoffnung, einen Wunsch, eine Befürchtung oder einen Zweifel ausdrücken, verlangen den congiuntivo: credo che, penso che, spero che, voglio che, temo che, dubito che, mi sembra che. Verben des Wissens, der Gewissheit und des Wahrnehmens nehmen den indicativo, und die des Sagens in der Regel auch: so che, sono sicuro che, vedo che, ho sentito che, dice che. Das sind nicht alle Verben der Sprache, aber es sind die, die du im Gespräch vor che setzt. Der Unterschied liegt nicht in dem, was nach che behauptet wird. Er liegt darin, wie du es hinstellst: als Tatsache über die Welt oder als etwas, das in deinem Kopf stattfindet.

Der congiuntivo nach den Verben der Meinung und der Hoffnung gilt für alles, was nach che in der Gegenwart oder in der Vergangenheit liegt. Steht credo, penso oder spero im Präsens, kommen zwei Formen dazu. Was in der Zukunft liegt, darf auch im futuro stehen, credo che domani pioverà, spero che verrai, und der congiuntivo bleibt für die Zukunft ebenfalls richtig, credo che domani piova. Was nur unter einer Bedingung gilt, steht im condizionale: penso che sarebbe meglio aspettare, credo che direbbe di sì. Ob du in diesem Fall bist, verrät dir dein deutscher Satz: Steht vorn „ich glaube“, „ich denke“ oder „ich hoffe“ im Präsens und kannst du im „dass“-Satz „wird“ oder „würde“ einsetzen, ohne dass sich der Sinn verschiebt, darfst du futuro oder condizionale nehmen. Geht das nicht, wie bei „ich glaube, dass er zu Hause ist“ oder „dass sie gestern angerufen hat“, bleibt es beim congiuntivo. Steht das Verb davor in der Vergangenheit, pensavo, credevo, rückt der congiuntivo eine Stufe zurück: pensavo che fosse a casa. Hier kommt dir das Deutsche ein Stück entgegen, denn nach „ich dachte“ sagst du selbst oft schon „wäre“, „ich dachte, du wärst schon zu Hause“, pensavo che fossi già a casa. Aus dem deutschen „würde“ wird nach pensavo das condizionale passato: „ich dachte, dass es regnen würde“ heißt pensavo che sarebbe piovuto. Und ein Wunsch nimmt nach che immer den congiuntivo, voglio che venga, vorrei che venisse, auch dann, wenn das Deutsche „ich wünschte, er würde kommen“ sagt.

Deutschsprachige haben dabei einen Vorteil, den sie oft übersehen. Das Deutsche hat selbst einen Konjunktiv für fremde Worte, den Konjunktiv I, und du liest ihn täglich: „Der Minister sagte, er sei nicht informiert gewesen.“ Das „sei“ markiert Abstand. Die Zeitung gibt eine Aussage weiter und steht nicht selbst dafür ein. Ein verwandtes Gefühl steckt im congiuntivo, denn was nach credo che kommt, wird ebenfalls nicht als Tatsache hingestellt. Nur hängt der italienische Modus nicht daran, wessen Worte du wiedergibst, sondern am Verb davor. Deshalb führt dich der deutsche Konjunktiv an genau der Stelle in die Irre, an der er am häufigsten vorkommt, und davon handelt der zweite Teil.

Credo che Anna abbia ragione.
Ich glaube, dass Anna recht hat.
Eine Meinung, also congiuntivo. Das Deutsche bleibt im Indikativ.
So che Anna ha ragione.
Ich weiß, dass Anna recht hat.
Wissen, also indicativo, genau wie im Deutschen.
Spero che domani faccia bel tempo.
Ich hoffe, dass morgen schönes Wetter ist.
Eine Hoffnung, also faccia und nicht fa. Weil es um morgen geht, ginge auch farà.
Credo di aver capito.
Ich glaube, ich hab’s verstanden.
Wer glaubt und wer versteht, ist dieselbe Person, also di und Infinitiv, ganz ohne che.

In credo di aver capito steht gar kein che, und damit stellt sich die Frage nach dem Modus nicht. Wenn derjenige, der glaubt, hofft oder denkt, auch derjenige ist, der etwas tut, verbindet das Italienische mit di und dem Infinitiv: credo di aver capito, spero di venire, penso di restare. Das Deutsche geht hier einen anderen Weg. Es lässt das „dass“ einfach weg und stellt einen Hauptsatz dahinter: „Ich glaube, ich hab’s verstanden.“ Diese Abkürzung mit dem Indikativ gibt es im Italienischen nicht, credo ho capito ist falsch.

Auch die Gewissheit kann kippen, und dann kippt der Modus mit. Sono certa che ha capito nimmt den indicativo, non sono certa che abbia capito den congiuntivo, weil aus der Gewissheit ein Zweifel geworden ist. Das Deutsche wechselt an dieser Stelle zwar nicht den Modus, aber oft das Wort: „Ich bin sicher, dass er es verstanden hat“, aber „ich bin nicht sicher, ob er es verstanden hat“. Wenn dir auf Deutsch ein „ob“ auf der Zunge liegt, lohnt sich also ein zweiter Blick auf das italienische Verb.

Penso che è hörst du in lockerer Umgangssprache oft. Es ist verbreitet, gilt aber geschrieben und in sorgfältiger Rede als Fehler, und mit penso che sia bist du überall auf der sicheren Seite.

Wo es knifflig wird

„Sie sagt, sie sei müde.“ Hier hat das Deutsche seinen Konjunktiv, und das Gefühl sagt dir: Im Italienischen muss das doch erst recht ein congiuntivo sein. Ist es nicht. Nach dire steht normalerweise der indicativo, dice che è stanca. Das Italienische markiert berichtete Rede in der Regel nicht über den Modus. Im Gespräch machst du es auf Deutsch übrigens oft genauso, „sie sagt, sie ist müde“, und diesem Muster folgt das Italienische. Dass sie es gesagt hat, ist die Tatsache, die der Satz berichtet, und die bekommt die gewöhnliche Form. Umgekehrt steht nach „ich glaube“, wo das Deutsche für eine bloße Meinung den Indikativ nimmt, im Italienischen der congiuntivo. Die beiden Sprachen überkreuzen sich an dieser Stelle.

Zwei Fälle nimmt diese Regel aus, und beide sind häufig. Wenn dire keine Aussage weitergibt, sondern eine Aufforderung, folgt der congiuntivo: dille che venga domani. Das Deutsche hilft dir hier sogar, weil es an derselben Stelle „soll“ sagt. Und das unpersönliche si dice che, „man sagt, dass“, nimmt meist den congiuntivo, si dice che sia ricchissimo, weil dann niemand mehr für die Aussage einsteht. Das kommt dem deutschen Konjunktiv tatsächlich nahe. Nur bei lui dice che und lei dice che, wo eine bestimmte Person spricht, bleibt der indicativo die normale Wahl.

Dice che è stanca.
Sie sagt, sie sei müde.
Konjunktiv im Deutschen, indicativo im Italienischen. Berichtete Rede allein verlangt keinen congiuntivo.
Dille che venga domani.
Sag ihr, sie soll morgen kommen.
Hier ist dire eine Aufforderung, und dann folgt der congiuntivo.

Woran du es hörst

Der congiuntivo fällt am Klang des Verbs auf, weil viele seiner Formen anders aussehen als alles, was du im Präsens gelernt hast: sia, abbia, faccia, vada, venga, possa. Bei den regelmäßigen Verben tauschen die Endungen ihren Vokal. Aus parla wird parli, aus prende wird prenda, aus dorme wird dorma. Wenn nach credo, spero oder mi sembra ein Verb kommt, das irgendwie verrutscht klingt, ist es meistens genau das.

Du wirst auch Sätze ohne che hören: credo sia tardi, spero vada tutto bene. Nach solchen Verben darf das che wegfallen, und der congiuntivo bleibt. Gerade diese Sätze schulen dein Ohr, weil das Verb dann direkt hinter credo oder spero steht und du die Form gar nicht überhören kannst.

Am Ende sitzen die beiden Konjunktive an verschiedenen Stellen. Der deutsche Konjunktiv I steht vor allem dort, wo du die Worte eines anderen weitergibst, der italienische congiuntivo dort, wo du eigene Gedanken als Gedanken kennzeichnest. Wer credo che sia sagt, klingt deshalb nicht geschraubt oder nach Schriftsprache. Er klingt wie jemand, der eine Meinung von einer Tatsache unterscheidet.

Giulia

Bologna

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