Hör dir an, wie du auf Deutsch von gestern Abend erzählst: „Ich bin nach Hause gekommen, Luca hat geschlafen, draußen hat es gestürmt, und ich hab mir einen Tee gemacht.“ Vier Verben, viermal Perfekt, und niemand würde daran etwas aussetzen. Im gesprochenen Deutsch ist das Perfekt die Vergangenheit schlechthin. Das Präteritum hörst du vor allem bei „war“, „hatte“ und den Modalverben, im Norden auch bei manchen anderen Verben, und sonst in Büchern und Zeitungen.
Das italienische passato prossimo sieht aus wie ein alter Bekannter. Hilfsverb plus Partizip, sono tornato, ho fatto, fast Stück für Stück wie „ich bin zurückgekommen“ und „ich habe gemacht“. Die Versuchung ist groß, es überall dort einzusetzen, wo im Deutschen ein Perfekt steht. So entsteht sono tornato a casa, Luca ha dormito, fuori c’è stata una tempesta, e mi sono fatto un tè. Jedes Verb ist für sich korrekt gebildet. Nur klingt der Satz jetzt, als würdest du vier abgeschlossene Ereignisse aufzählen, statt eine Szene zu zeichnen, in die du hineinkommst.
Das Italienische wählt die Zeit nämlich nicht nach Gewohnheit oder Tonlage, sondern nach der Rolle, die ein Vorgang in der Erzählung spielt. Das imperfetto ist die Kulisse: wie etwas war, was gerade im Gang war, was damals regelmäßig geschah. Das passato prossimo ist die Handlung, die sich vor dieser Kulisse abspielt: etwas, das eintritt, passiert und abgeschlossen ist. Richtig heißt der Abend also sono tornato a casa, Luca dormiva, fuori c’era una tempesta, e mi sono fatto un tè. Heimkommen und Tee machen sind Ereignisse. Schlafen und Stürmen sind der Zustand, in den du hineinkommst.
Das Deutsche kann diesen Unterschied durchaus ausdrücken, nur nicht mit der Zeitform. Es nimmt dafür Wörter: „gerade“, „damals immer“, „früher“, „am Kochen sein“. Wo du eines davon in deinen deutschen Satz setzen könntest, ohne dass sich der Sinn verschiebt, liegt das imperfetto meistens nahe. Das ist eine Stütze und keine Regel, und wo sie nicht trägt, steht weiter unten.
Quando sono arrivato, Luca dormiva.
Stavo cucinando quando mi ha chiamato Anna.
Da ragazzo giocavo a calcio ogni sabato.
Sabato ho giocato a calcio.
La casa era piccola, ma aveva un giardino.
Die Sätze über den Fußball zeigen die Stelle, an der Deutschsprachige am häufigsten danebenliegen, weil das Deutsche sie überhaupt nicht markiert: die Gewohnheit. „Als Jugendlicher habe ich jeden Samstag gespielt“ und „am Samstag habe ich gespielt“ stehen bei uns in derselben Zeit, und erst die Wörter drumherum sagen, ob es um eine Lebensphase geht oder um einen Tag. Im Italienischen trägt das Verb diese Information selbst. Giocavo erzählt, wie es damals eben war. Ho giocato erzählt, dass es passiert ist.
Mit dem zweiten Satz ist es ähnlich. „Ich war gerade am Kochen“ ist genau die Konstruktion, mit der das Deutsche sagt, dass etwas im Gang war, und das Italienische hat dafür sogar eine eigene Form, stavo cucinando. Das schlichte cucinavo sagt hier fast dasselbe. Stavo ist selbst ein imperfetto, und beide Formen bilden den Hintergrund, vor dem der Anruf passiert.
Wo es knifflig wird
Wenn das Perfekt dich zum passato prossimo lockt, müsste das Präteritum dich doch zum imperfetto führen. „Es war kalt“, „ich hatte Hunger“: faceva freddo, avevo fame, das passt. Aber die Verbindung ist Zufall. Viele Sprecher, vor allem im Norden, nehmen bei „sein“, „haben“, den Modalverben und „es gab“ aus Gewohnheit das Präteritum und bei den meisten anderen Verben das Perfekt, ganz gleich, was der Satz beschreibt. Im Süden, in Österreich und in der Schweiz steht oft auch dort das Perfekt: „ich bin müde gewesen“. Im Süden hörst du sogar „ich bin gewesen“, wo im Norden „ich war“ steht, und die Bedeutung ist dieselbe. Die deutsche Zeitform sagt dir also weder beim Perfekt noch beim Präteritum, welche italienische du brauchst.
Am deutlichsten wird das bei einer gezählten Wiederholung. „Ich war dreimal auf Sizilien“ steht im Präteritum und beschreibt trotzdem nichts. Es fasst zusammen, wie oft etwas passiert ist, und das ist für das Italienische ein abgeschlossener Block. Dasselbe gilt, wenn du einer Wiederholung einen Rahmen gibst: siamo andati in Grecia per tre estati di fila. Solange du erzählst, wie es damals regelmäßig war, bleibt es beim imperfetto. Sobald du zählst oder die Wiederholungen als abgeschlossenen Zeitraum zusammenfasst, kippt der Satz meist ins passato prossimo.
Sono stata in Sicilia tre volte.
Und dieselbe Situation lässt manchmal beide Zeiten zu. Il concerto era bellissimo stellt dich mitten in den Abend, il concerto è stato bellissimo blickt auf ihn zurück und fasst ihn zusammen. Beides ist richtig, und das Deutsche sagt in beiden Fällen „das Konzert war toll“. Es gibt also nicht zu jedem deutschen Satz genau eine italienische Lösung. Es gibt eine Entscheidung, die das Deutsche dir nie abverlangt hat.
Woran du es hörst
Das imperfetto erkennst du an seiner Endung. Bei jedem Verb außer essere steckt ein -v- darin: parlava, faceva, dormiva, avevo. Essere hat eigene Formen, ero, era, c’era. Zählen darf dabei nur die Endung, denn manche Verben haben schon im Stamm ein v: arriva ist Präsens, arrivava imperfetto. Folgt auf avevo oder aveva noch ein Partizip, avevo già mangiato, ist es kein imperfetto mehr, sondern das trapassato, gebaut wie das deutsche „ich hatte schon gegessen“. Bei ero und era mit Partizip ist es meist dasselbe, era già partita, „sie war schon abgefahren“, außer das Partizip beschreibt einen Zustand, il negozio era chiuso, oder die Form ist ein Passiv, era amata da tutti, „sie wurde von allen geliebt“. Das passato prossimo kommt dagegen immer mit Hilfsverb, genau wie das deutsche Perfekt. In Romanen und bei manchen Sprechern aus dem Süden erzählt stattdessen das passato remoto die Handlung, arrivò, disse, ein einziges Wort ohne Hilfsverb und ohne die Endung mit -v-. Wenn Italiener erzählen, hör darauf, wie sich die Formen abwechseln: Das imperfetto baut das Bild, das passato prossimo und das passato remoto bringen die Geschichte voran.
Stell dir deine Erzählung als Filmszene vor. Was schon da ist, wenn die Kamera zu laufen beginnt, das Wetter, die Stimmung, der schlafende Luca, gehört ins imperfetto. Was vor der Kamera passiert, die Tür, die aufgeht, der Anruf, der Tee, gehört ins passato prossimo. Das Bild ersetzt nicht den Blick auf die gezählten Fälle von oben, aber es trifft die allermeisten Sätze, die du über deinen Tag sagen willst.
Wer so erzählt, merkt bald, wie viel von einem Abend Kulisse ist: dass es gestürmt hat, dass Luca schon geschlafen hat, was im Fernsehen gelaufen ist. Im gesprochenen Deutsch stehen diese Sätze im selben Perfekt wie alles, was passiert ist, und wo doch ein Präteritum auftaucht, etwa bei „war“, „hatte“, „gab es“ oder „wollte“, steht es aus Gewohnheit und nicht, weil es Kulisse wäre. Im Italienischen hat die Kulisse ihre eigene Form, und oft trägt sie eine Geschichte, lange bevor darin etwas passiert.