Unter den Fehlern, die Deutschsprachige im Italienischen machen, ist mi ho lavato einer der hartnäckigsten, und er entsteht gerade deshalb, weil du eine echte Ähnlichkeit bemerkt hast. Du hast gelernt, dass das passato prossimo mit avere oder essere gebildet wird, und du hast gemerkt, dass die Verteilung dem Deutschen ziemlich ähnlich ist. Wer „ich bin gegangen“ sagt, sagt sono andato. Wer „ich habe gegessen“ sagt, sagt ho mangiato. Also überträgst du auch „ich habe mich gewaschen“ Stück für Stück, und genau an dieser Stelle verlässt dich die Ähnlichkeit.
Im Deutschen hängt das Hilfsverb am Verb selbst. „Sein“ nehmen vor allem Verben, die eine Bewegung von einem Ort zum anderen oder eine Veränderung des Zustands ausdrücken: „ich bin gefahren“, „ich bin eingeschlafen“. Dazu kommt eine Handvoll Verben, die in keine der beiden Gruppen passen, darunter „sein“ selbst, „bleiben“, „werden“, „begegnen“ und „passieren“, und im Süden auch „ich bin gesessen“. Die meisten übrigen Verben nehmen „haben“. Das „sich“ ändert an dieser Verteilung nichts. Jedes reflexive Verb im Deutschen bildet sein Perfekt mit „haben“: „ich habe mich gesetzt“, „wir haben uns verlaufen“, „sie hat sich geärgert“. Das Pronomen ist für die Wahl des Hilfsverbs einfach unsichtbar.
Im Italienischen entscheidet gerade dieses Pronomen. Sobald ein Verb ein reflexives Pronomen bei sich hat, also mi, ti, si, ci oder vi, und dieses Pronomen dieselbe Person meint wie das Subjekt, steht im passato prossimo essere. Das gilt für jedes Verb mit einem solchen Pronomen, egal was es bedeutet: mi sono lavato, ti sei seduta, si è arrabbiato, ci siamo persi. Einen zweiten Weg gibt es nur, wenn ein Modalverb dazukommt, und davon weiter unten mehr. Es gilt auch, wenn danach noch ein Objekt kommt, wo das Deutsche ein „mir“ statt eines „mich“ benutzt. „Ich habe mir die Haare gewaschen“ ist mi sono lavato i capelli, „ich habe mir ein Fahrrad gekauft“ ist mi sono comprato una bici.
Mit essere kommt eine zweite Sache, die das Deutsche nicht kennt: Das Partizip richtet sich nach dem Subjekt. Eine Frau sagt mi sono lavata, zwei Freunde sagen ci siamo persi, zwei Freundinnen ci siamo perse. Steht noch ein Objekt dabei, bleibt das Partizip in der Regel beim Subjekt: Sara si è lavata le mani, Marco si è comprato una bici. Nur wenn das Objekt als Pronomen vor das Verb rückt, richtet sich das Partizip nach diesem Pronomen: le mani, se le è lavate.
Stamattina mi sono lavato i capelli.
Sara si è arrabbiata con me.
Ci siamo conosciuti a Bologna.
Wie weit die Regel reicht, zeigt das Kennenlernen in Bologna. Ci siamo conosciuti heißt nicht, dass jeder sich selbst kennengelernt hat, sondern der eine den anderen. Ein bloßes „uns“ lässt das im Deutschen offen: „Wir haben uns gesehen“ kann der Blick in den Spiegel sein oder das Treffen am Bahnhof, und eindeutig wird es erst mit „einander“. Auch ci siamo visti lässt es offen, und das Hilfsverb ist in beiden Lesarten dasselbe. Gegenseitige Verben nehmen ebenfalls essere: vi siete sentiti ieri?, si sono scritti per anni. Beim letzten Beispiel ist das si sogar ein indirektes Objekt, sie haben einander geschrieben, und das Hilfsverb bleibt trotzdem dasselbe.
Wo es knifflig wird
Die erste Falle ist ein mi, das gar nicht reflexiv ist. „Der Nachbar hat mich geweckt“ heißt mi ha svegliato il vicino, mit avere. Hier weckt nicht der Sprecher sich selbst, sondern jemand anderes ihn, und das mi ist ein ganz gewöhnliches Objekt. Die Regel mit essere greift nur, wenn Pronomen und Subjekt dieselbe Person sind. Deshalb reicht es nicht, auf das mi zu achten. Du musst wissen, wer die Handlung ausführt.
Mi ha svegliato il vicino.
Die zweite Falle sind die Modalverben. „Ich habe früh aufstehen müssen“ hat im Italienischen zwei richtige Fassungen, und welches Hilfsverb du nimmst, hängt davon ab, wo das Pronomen steht. Steht es vorn, vor dem Hilfsverb, heißt es mi sono dovuto alzare. Hängt es am Infinitiv, heißt es ho dovuto alzarmi. Beide Sätze sind korrekt und bedeuten dasselbe. Falsch sind nur die Mischungen: mi ho dovuto alzare und sono dovuto alzarmi.
Mi sono dovuto alzare presto.
Die dritte Falle liegt zwischen den Sprachen. Ob ein Verb reflexiv ist, entscheidet das Italienische, nicht das Deutsche, und die beiden sind sich nicht immer einig. „Ich habe die Schlüssel vergessen“ hat im Deutschen kein „sich“, im Italienischen sagt man aber oft mi sono dimenticato le chiavi, genauso gut wie ho dimenticato le chiavi. Umgekehrt ist „sich ausruhen“ reflexiv, und im Italienischen gibt es mi sono riposato neben ho riposato. Das Hilfsverb richtet sich nicht nach dem deutschen Satz, sondern danach, ob du im Italienischen das Pronomen sagst. Steht es vor dem Hilfsverb, folgt essere.
Mi sono dimenticata le chiavi a casa.
Und auch das Muster, das dir beim Einstieg so geholfen hat, ist nicht ganz deckungsgleich. „Ich bin geschwommen“ heißt ho nuotato, „ich bin viel gelaufen“ oft ho camminato molto. Das Deutsche denkt bei solchen Verben an die Bewegung, das Italienische an die Tätigkeit. Bei den reflexiven Verben fehlt diese Unschärfe. Steht ein reflexives Pronomen vor dem Hilfsverb, heißt das Hilfsverb essere, bei jedem Verb und in jeder Bedeutung.
Woran du es hörst
Im passato prossimo steht das Pronomen vor dem Hilfsverb, sofern es nicht an einem Infinitiv hängt. Du sagst es also, bevor du dich für ho oder sono entscheiden musst, und das kannst du nutzen. Mit io als Subjekt ist ein mi immer reflexiv, denn wer sonst sollte gemeint sein. Deshalb gibt es mi ho im Standarditalienischen nicht, und ti hai ebenso wenig. Wenn dir mi über die Lippen kommt und das Subjekt du selbst bist, ist das Hilfsverb essere, auch wenn noch ein Wörtchen dazwischentritt wie in me ne sono andato.
Bei ci und si ist das nicht ganz so einfach. Ci kann auch „daran“ oder „dort“ heißen, ci abbiamo pensato, ci abbiamo vissuto due anni, beides mit avere, und si kann ein unpersönliches „man“ sein. Für die erste und zweite Person im Singular aber gilt der Schluss ohne Einschränkung.
Italiener sprechen diese Paare so oft, dass sie beinahe zu einem Wort verschmelzen: mi sono, ti sei, si è, im schnellen Gespräch sogar s’è. Wenn du Leuten zuhörst, die von ihrem Morgen erzählen, fällt dir auf, wie viele dieser Einheiten darin vorkommen: mi sono svegliata, mi sono vestita, ci siamo visti al bar. Lern sie als Einheiten, nicht als Pronomen plus Hilfsverb. Dann taucht das deutsche „habe“ zwischen den beiden gar nicht erst auf, und die Endung des Partizips verrät jedem, der zuhört, wer da von sich erzählt.