In deinem ersten Italienischkurs stand la mia casa an der Tafel, und dir kam es vermutlich doppelt vor. „Das mein Haus“ sagt niemand. Spätestens beim Sprechen fällt der Artikel dann weg, und heraus kommt mia casa è piccola oder mio lavoro è noioso. Italiener verstehen das sofort, aber es klingt nach Telegramm. Im Italienischen gehört der Artikel dazu: la mia casa è piccola, il mio lavoro è noioso.
„Mein“ und mio bedeuten dasselbe und sind trotzdem verschiedene Wortarten. Im Deutschen ist „mein“ ein Begleiter, wie „der“ oder „ein“, und es besetzt denselben Platz vor dem Nomen. Du siehst das an den Endungen: „mein Haus“, „meine Tasche“, „meinen Hund“ laufen genau wie „ein Haus“, „eine Tasche“, „einen Hund“. Ein Nomen hat im Deutschen nur einen solchen Platz, und wo „mein“ steht, ist für „das“ kein Raum mehr.
Mio dagegen ist ein Adjektiv, und zwar eines, das meist vor dem Nomen steht, wie bello in la bella casa. Sein Platz ist zwischen Artikel und Nomen, so wie im Deutschen „das schöne Haus“. Der Artikel bleibt, weil er seinen eigenen Platz hat: la mia borsa, il mio cane, i miei amici. Und weil mio ein Adjektiv ist, kann es auch mit dem unbestimmten Artikel stehen. „Ein Freund von mir“, wofür das Deutsche einen Umweg nimmt, ist auf Italienisch einfach un mio amico.
La mia macchina è dal meccanico.
Un mio amico fa il cuoco a Trieste.
Dann kommt die Ausnahme, und sie fühlt sich für dich wie eine Rückkehr nach Hause an. Vor einem einzelnen Familienmitglied, ohne Adjektiv und ohne Verkleinerung, fällt der Artikel weg: mia sorella, mio padre, tua madre, suo marito, nostro zio. Hier sieht das Italienische aus wie das Deutsche, und genau darin liegt die Gefahr. Die Ausnahme ist schmal, und wer sie für die Regel hält, landet wieder bei mia casa.
Mia sorella lavora a Graz.
Die Ausnahme gilt nur, solange alle Bedingungen erfüllt sind. Im Plural kommt der Artikel zurück: le mie sorelle, i miei cugini. Mit einem Adjektiv oder einer Verkleinerung ebenfalls: la mia sorellina, il mio caro nonno. Eine Angabe hinter dem Nomen stört die Ausnahme dagegen meist nicht, mio zio di Napoli und mia sorella che vive a Graz bleiben ohne Artikel. Und „Familie“ heißt Verwandtschaft. Il mio ragazzo, „mein Freund“ im Sinne von Partner, behält den Artikel, il mio collega auch.
Wo es knifflig wird
Loro macht bei der Ausnahme nicht mit. „Ihre Mutter“, wenn mehrere gemeint sind, heißt la loro madre, „ihr Sohn“ il loro figlio: Vor dem Nomen steht loro immer mit Artikel. Loro verändert seine Form nie, und so ist der Artikel das Einzige, was vor dem Nomen Geschlecht und Zahl zeigt. Aus dem Deutschen kommt noch eine Verwechslung dazu: Das deutsche „ihr“ ist mal suo und mal loro, je nachdem, ob eine Person gemeint ist oder mehrere. Sua madre ist die Mutter von ihr oder ihm, la loro madre die Mutter von ihnen.
La loro figlia studia a Padova.
Nicht jedes Familienwort benimmt sich gleich. Bei mamma und papà, den liebevollen Wörtern, hörst du beides: mia mamma und la mia mamma, mio papà und il mio papà. Bei maggiore und minore, „älter“ und „jünger“, schwankt es ebenfalls: mia sorella maggiore ohne Artikel hörst du öfter, la mia sorella maggiore ist aber genauso richtig. Diese Adjektive werden eher als Teil des Familienworts empfunden als als Beschreibung. In solchen Fällen liegst du mit keiner der beiden Formen falsch.
Und schließlich rückt das Possessiv manchmal hinter das Nomen. Ohne Artikel geschieht das in festen Wendungen und in der Anrede. A casa mia heißt „bei mir zu Hause“ oder einfach „bei mir“, è colpa mia „das ist meine Schuld“, und amore mio, cara mia und mamma mia kennst du wahrscheinlich schon. Außerhalb davon bleibt der Artikel, auch wenn das Possessiv hinten steht: è la macchina mia, non la tua sagt man im Gespräch, um zu betonen, wem das Auto gehört. Nach essere steht das Possessiv ebenfalls ohne Artikel, wenn es um den Besitz geht: questo libro è mio, „das Buch gehört mir“.
Stasera venite a casa mia?
Woran du es hörst
Beginnt ein italienischer Satz mit dem, was jemandem gehört, ist das erste Wort meistens ein Artikel, und gerade dieses Wort fehlt dir, weil im Deutschen an seiner Stelle schon „mein“ steht. Im Gespräch ist es kurz und unbetont, il, la, i, le, und rutscht leicht am Ohr vorbei. Wer einmal darauf achtet, merkt, dass Italiener es auch im schnellsten Satz nicht weglassen.
Für deinen eigenen Satz lohnt ein Blick darauf, wen du mit „mein“ meinst. Meist steckt darin der bestimmte Artikel: „mein Chef“ ist der Chef, der zu mir gehört. Im Italienischen sprichst du diesen Artikel aus, il mio capo, la mia borsa, i miei amici. Meinst du dagegen einen von mehreren, wie in „mein Kollege hat erzählt“, wenn du viele Kollegen hast, heißt es un mio collega. Sagt das Deutsche „von mir“, „ein Freund von mir“, „zwei Kollegen von mir“, übernimmt das Italienische, was vor dem Nomen steht: un mio amico, due miei colleghi. Nur bei einem einzelnen Verwandten ohne Adjektiv, ohne Verkleinerung und ohne loro fällt der Artikel weg, und bei mamma, papà und maggiore darfst du wählen.
Dazu gehört ein Ausdruck, der ohne Nomen auskommt und trotzdem Familie meint. I miei allein heißt „meine Eltern“, i tuoi „deine Eltern“. Salutami i tuoi ist ein Satz, den du am Ende eines Telefonats oft hören wirst: „Grüß deine Eltern von mir.“ Artikel und Possessiv tragen hier die ganze Bedeutung, ein Nomen braucht es nicht mehr.