Wer in der Schule Englisch hatte, hat sich für „ich wohne seit drei Jahren hier“ mühsam ein Perfekt angewöhnt, gegen das eigene Gefühl. Fürs Italienische darfst du diese Mühe wieder vergessen. Das Italienische setzt wie das Deutsche ein Präsens, obwohl die drei Jahre schon vergangen sind: abito a Vienna da tre anni. Der Fehler, der trotzdem passiert, steckt nicht im Verb, sondern in der kleinen Präposition davor. Aus „seit“ wird oft per, weil sich per nach „für“ anfühlt, „für“ nach einer Zeitdauer, und weil das Englische an dieser Stelle ebenfalls „für“ sagt. Heraus kommt abito a Vienna per tre anni, und das sagt nicht, was du meinst.
In italienischen Ohren klingt der Satz zuerst nach einem Fehler. Wer ihn wohlwollend hört, versteht einen Aufenthalt auf Zeit, „ich wohne für drei Jahre in Wien“, mit einem Ende, das schon feststeht, und fragt dich als Nächstes, wohin du danach gehst. Wer so einen Plan wirklich meint, sagt eher resto a Vienna per tre anni.
Das Italienische hat für solche Sätze drei kleine Wörter, und das Deutsche hat für jedes eine ziemlich genaue Entsprechung. Da ist „seit“. Etwas hat angefangen und dauert noch an, und das Verb steht meist im Präsens, im Deutschen wie im Italienischen. Das gilt für eine Dauer genauso wie für einen Anfangspunkt: da tre anni, dal 2021, da gennaio, da ieri. In die Zukunft gerichtet heißt da dagegen „ab“: da lunedì lavoro qui. Per ist „lang“ oder „für“, eine Zeitspanne mit Ende. Sie kann vorbei sein, ho abitato a Vienna per tre anni, oder erst geplant, vado a Vienna per tre anni. Fa ist „vor“, wenn danach eine Zeitspanne steht. Es bezeichnet keinen Zeitraum, sondern einen Zeitpunkt, von heute aus zurückgerechnet, und es steht hinter der Zahl: tre anni fa.
Abito a Vienna da tre anni.
Ho abitato a Vienna per tre anni.
Sono arrivata a Vienna tre anni fa.
Da quando lavoro qui, dormo meglio.
Bei „vor“ lohnt sich ein genauer Blick, weil das deutsche Wort mehr kann als fa. „Vor drei Jahren“ ist tre anni fa. „Vor dem Essen“ ist dagegen prima di mangiare oder prima di cena, denn dort steht kein Zeitraum hinter „vor“, sondern ein Ereignis. Fa rechnet immer von jetzt aus zurück. Erzählst du von einem Zeitpunkt in der Vergangenheit aus, heißt es prima: tre anni prima ist „drei Jahre davor“.
Beim Weglassen gehen die beiden Sprachen sogar denselben Weg. Im Deutschen kannst du „lang“ oft streichen, „ich habe drei Jahre in Wien gewohnt“, und das Italienische erlaubt dasselbe bei per: ho abitato tre anni a Vienna ist genauso richtig. Beim da geht das nicht. In abito a Vienna da tre anni trägt die Präposition die Information, dass es noch andauert, und ohne sie fällt der Satz auseinander.
Wo es knifflig wird
Beim verneinten Satz liegt dein deutsches Gefühl ausnahmsweise richtig. „Ich habe sie seit Monaten nicht gesehen“, sagt das Deutsche, mit einem Perfekt, und das Italienische erlaubt nach einer Verneinung dasselbe: non l’ho vista da mesi ist genauso normal wie non la vedo da mesi. L’ho vista blickt auf das letzte Sehen zurück, das abgeschlossen ist, la vedo auf das Nicht-Sehen, das noch andauert. Im bejahten Satz hängt die Wahl am Verb. Bei einem Zustand oder einer Tätigkeit, die andauert, wie abitare, lavorare oder aspettare, gibt es sie nicht: abito a Vienna da tre anni, und mit ho abitato verträgt sich da nicht. Bei einem einmaligen Ereignis, dessen Folge noch andauert, geht das passato prossimo mit da auch bejaht, und da misst dann, wie lange die Folge schon besteht: è partito da tre giorni, ho smesso di fumare da un anno. Das ist dieselbe Logik wie bei der Verneinung.
Non la sento da mesi.
Bleibt die Erzählung. Wenn die ganze Geschichte in der Vergangenheit spielt, schwankt das Deutsche: „Ich wartete schon seit einer Stunde, als der Zug kam“, oder „ich hatte schon eine Stunde gewartet“. Das Italienische bleibt bei seiner Regel und rückt sie nur einen Schritt zurück. Zu dem Zeitpunkt, von dem du erzählst, lief das Warten noch, also steht es im imperfetto, und da misst weiter.
Aspettavo da un’ora quando è arrivato il treno.
Woran du es hörst
Im Gespräch kommt die Dauer oft nach vorn: sono tre anni che abito a Vienna oder è da tre anni che abito a Vienna. Beides heißt dasselbe wie der Satz mit da am Ende, und das Verb nach che steht in derselben Zeit wie dort: bei einem Zustand im Präsens, bei einem Ereignis, dessen Folge andauert, im passato prossimo, è un anno che ho smesso di fumare. Achte beim Zuhören auf das Verb nach che. Bei abito und lavoro steht es im Präsens, obwohl die drei Jahre gerade genannt wurden, und an dieser Stelle erwartet dein Kopf eine Vergangenheit.
Das deutsche Wort, das du sowieso mitbringst, erledigt hier fast alles. Passt „seit“, ist es da. Geht es bejaht um einen Zustand, der andauert, steht das Verb in der Zeit, aus der du erzählst, also meist im Präsens. Passt „lang“ oder „für“, ist es per. Passt „vor“ mit einer Zeitspanne dahinter, ist es fa.
Da und per messen also beide Zeit, nur von verschiedenen Standpunkten aus. Da zählt von einem Anfang bis zu dem Moment, von dem aus du sprichst, und dieser Moment ist meistens jetzt. Per nimmt eine Zeitspanne als Ganzes, ob sie hinter dir liegt oder noch vor dir. Das Deutsche trennt die beiden mit „seit“ auf der einen und „lang“ oder „für“ auf der anderen Seite ebenso sauber. Solange du auf das Wort hörst und nicht auf das Gefühl von Dauer, führt dich deine Muttersprache hier richtig. Fehlt das Wort, wie in „ich wohne schon drei Jahre hier“, zeigen „schon“ und das Präsens denselben Weg: abito qui da tre anni.